KI verändert alles – Mensch, Maschine, Ethik

KI verändert alles – Mensch, Maschine, Ethik

Bei der Veranstaltung „KI verändert alles – Mensch, Maschine, Ethik“ der Evangelischen Akademie Frankfurt diskutierten Expert:innen aus Forschung, Ethik und Wirtschaft darüber, wie verantwortungsvolle KI gestaltet werden kann.
Den inhaltlichen Auftakt setzte Prof. Dr. Kristian Kersting, Co-Direktor von hessian.AI und Professor für Maschinelles Lernen an der TU Darmstadt, mit einem Impuls, der einen weiten Bogen spannte: von der grundlegenden Frage, was Künstliche Intelligenz eigentlich ist, über ihre Bedeutung für menschliches Denken und gesellschaftliche Entwicklungen bis hin zu der Frage, welche ethischen Prinzipien und technologischen Paradigmen ihre Zukunft leiten sollten.

Es folgte eine Podiumsdiskussion mit Prof. Dr. Kevin Bauer (Goethe-Universität Frankfurt) und Prof. Dr. Toni Loh (Hochschule Bonn-Rhein-Sieg) sowie eine Live-Demonstration von Sören Heß, Mitgründer des Darmstädter Startups PanocularAI. Moderiert wurde die Veranstaltung von Dr. Helge Bezold, (Evangelische Akademie Frankfurt).

KI als Kulturgut und Denkwerkzeug


Für Kristian Kersting sollte Künstliche Intelligenz „ein Kulturgut sein, zu dem jeder Zugang hat“. Moderne KI-Systeme eröffnen neue Perspektiven darauf, was Künstliche Intelligenz und menschliche Kreativität heute noch unterscheidet. Als Beispiel nannte Kersting ein Experiment, bei dem eine KI Musik im Stil Richard Wagners komponierte. Das Ergebnis war zwar angenehm, erreichte jedoch nicht die Genialität des Meisters. Dennoch stellen solche Versuche Kreativität als menschliches Alleinstellungsmerkmal auf den Prüfstand – und entmystifizieren unsere Vorstellungen davon, was es bedeutet, kreativ zu sein.

Mit Blick auf die Frage „Was ist KI?“ betonte Kersting: „Es geht nicht darum, weniger selbst zu denken – sondern Unterstützung beim Denken zu haben.“ Richtig eingesetzt könne KI wesentlich dazu beitragen, gesellschaftliche Herausforderungen wie Klimawandel, Fachkräftemangel oder fragile Lieferketten zu bewältigen. „KI ist gekommen, um zu bleiben“, so sein Fazit.

Neue Paradigmen statt „immer größer“

Technologisch beurteilt Kersting die einseitige Fixierung auf das Skalieren großer Modelle kritisch. Die sogenannte „Hyper-Scale-Hypothese“ – je größer, desto besser – greife zu kurz. Datenmengen würden nicht im gleichen Tempo wie der Bedarf der Modelle wachsen, während der Energieverbrauch und die Konzentration der Rechenleistung zunähmen.

Mit dem an der TU Darmstadt beheimateten Exzellenzcluster RAI – Reasonable Artificial Intelligence arbeitet Kersting mit einem Team an KI-Forscher:innen an Alternativen: „Wir wollen Deep Learning, symbolisches Denken, Software Engineering und menschliche Vielfalt verbinden.“ Das Ziel: eine KI, die aus verschiedenen Bausteinen zusammengesetzt werden kann – „ein wenig wie beim Lego-Spielen“. Langfristig könnte es darum gehen, die Informatik neu zu denken und Code nicht länger als „dumm“, sondern als intelligent zu begreifen.

Für eine Verfassung der KI

Auch der ethische Rahmen war Kersting ein besonderes Anliegen. „KI-Systeme brauchen eine Verfassung“, sagte er. Es sei utopisch zu glauben, dass man einfach alle Daten sammeln könne und am Ende automatisch das Richtige entstehen würde. „Wir Menschen geben uns Regeln – das müssen wir auch für KI-Systeme tun.“ Nur so ließen sich Verzerrungen und unbeabsichtigte Folgen vermeiden.

Kersting plädierte zugleich für eine Stärkung öffentlicher Forschungseinrichtungen. Sie seien prädestiniert, ethische Fragestellungen von Beginn an mitzudenken und in die Entwicklung neuer Technologien einzubeziehen. Die Verantwortung für die ethischen Spielregeln sollte man nicht Unternehmen überlassen, deren Handeln stärker von wirtschaftlichen Interessen beeinflusst sei.


Diskussion über Ethik und Verantwortung

In der anschließenden Diskussion mit Prof. Dr. Kevin Bauer (Goethe-Universität Frankfurt) und Prof. Dr. Toni Loh (Hochschule Bonn-Rhein-Sieg) wurde deutlich, wie wichtig interdisziplinäres Denken für die Zukunft der KI ist. Loh betonte, dass Ethik heute stärker in technische Entwicklungen einbezogen werde – ein wichtiger Fortschritt. Kersting betonte, dass die Frage, wie sich ethische Prinzipien in Maschinen abbilden lassen, jedoch weiterhin offen sei: „Man kann kein intelligentes System zulassen, ohne Beschränkungen.“ Wir müssen der Politik zeigen: Der Zug ist noch nicht abgefahren – wir haben etwas beizutragen.“

Bauer hob hervor, dass Deutschland bereits über hervorragende Initiativen verfüge, die enger vernetzt und jenseits reiner Regulierung gedacht werden sollten. „Wir brauchen Räume, die interdisziplinär wirken – darin liegt ein Wert, den wir oft unterschätzen.“

Europäische Innovation sichtbar gemacht

Den praktischen Beweis dafür, dass Innovation und Werteorientierung Hand in Hand gehen können, lieferte Sören Heß, Gründer des TU-Ausgründungs-Startups PanocularAI. Mit einer eigens entwickelten Netzarchitektur bringt das Unternehmen KI direkt auf Endgeräte – effizient, datensparsam und souverän. In einer Live-Demonstration zeigte Heß, wie das System Text- und Bildverständnis miteinander verknüpft. Ein Beispiel für eine technologische Entwicklung, die europäische KI-Kompetenz greifbar macht – aus Hessen heraus.


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Die Reihe geht weiter: Nächste Veranstaltung am 16. Februar 2026

Am 16. Februar widmet sich die Evangelische Akademie Frankfurt der Frage, wie neue Technologien die Arbeitswelt verändern – und was dies für Menschen, Unternehmen und Gesellschaft bedeutet: KI und die Zukunft der Arbeitswelt